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Hessenboebbel

Thema des Monats: Juni 2014

Konfliktthema Rente mit 63
Ist eine feste Altersgrenze für die Berufstätigkeit veraltet?

Das neue Rentenpaket der Regierung erntet viel Kritik – besonders aus der Wirtschaft.

Es stellt sich die Frage, ob eine starre Altersgrenze für das Berufsleben überhaupt noch dem heutigen Zeitgeist entspricht und welche Maßnahmen Unternehmen gegen den Know-how-Verlust ergreifen können.


Was steckt hinter der Rente mit 63?
Sind Sie 63 Jahre alt und haben Sie 45 Jahre Rentenversicherungsbeiträge gezahlt? Herzlichen Glückwunsch, ab 1. Juli können Sie abschlagsfrei in Rente gehen – das ist in vier Wochen. Für Generationen ab 1953 erhöht sich das Renteneintrittsalter kontinuierlich um zwei Monate, sodass ab 2030 wieder die abschlagsfreie Rente mit 65 gilt. Die Mehrkosten dieses Wahlgeschenks werden auf mindestens 160 Milliarden Euro bis einschließlich 2030 geschätzt. Finanziert wird es auf Kosten der jungen Generationen – denen, die nicht in den Genuss des frühen Ruhestands kommen.

Die Wirtschaft und die Rente
Aufgrund des demografischen Wandels werden in den kommenden drei Jahren in Hessen jeweils durchschnittlich mehr als 100.000 Fachkräfte fehlen. Durch die abschlagsfreie Rente mit 63 werden zusätzlich ältere Know-how-Träger die Unternehmen verlassen. Besonders treffen wird es den Mittelstand. Hier besteht das Risiko, dass ausgebildete Fachkräfte durch große Unternehmen abgeworben werden. Einige Unternehmen bilden bereits seit einiger Zeit über ihrem aktuellen Bedarf aus, um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken. Damit das Fachwissen älterer Arbeitnehmer nicht verloren geht und rechtzeitig Nachfolger gefunden werden können, sprechen viele Betriebe im Rahmen ihrer Nachfolgeplanung jetzt frühzeitig mit älteren Mitarbeitern über ihre weitere Lebensplanung. Im Kampf gegen den Know-how-Verlust zeigt sich außerdem ein neuer Trend: Die Beschäftigung nach Renteneintritt.

Pensionärsfirmen – Die Ära der Silver Workers
Deutsche Unternehmen entdecken das Potenzial und die Arbeitsbereitschaft älterer Arbeitnehmer. Immer mehr Rentner arbeiten in Deutschland in Teilzeit. Die Freude an der Arbeit und soziale Kontakte sind dabei wichtige Gründe, ebenso wie der Bedarf nach einem Nebeneinkommen. Eine Möglichkeit um ehemalige Mitarbeiter wieder zu beschäftigen sind Pensionärsfirmen. In diesen arbeiten die sogenannten Silver Worker häufig projektbezogen oder in Teilzeit,  so wie beispielsweise hier:*

Senior Expert Consultancy GmbH (Otto)
Space Cowboys – Daimler Senior Experts
Bayer Senior Experts Network

Deutet diese Entwicklung darauf hin, dass eine starre Altersgrenze für die Berufstätigkeit nicht mehr zeitgemäß ist? Während die Lebenserwartung steigt und sich die Arbeitsbedingungen verändern – von körperlicher Arbeit zu Bürotätigkeiten -, ändern sich auch die Erwartungen der Senioren. Vielleicht liegt die Lösung des Streits um die Rente daher nicht in immer wieder neuen festen Altersgrenzen, sondern in Intervallen. Norwegen und Schweden zeigen, dass es funktioniert. In Norwegen können Senioren zwischen 62 und 75 und in Schweden zwischen 61 und 67 Jahren in Rente gehen. Dabei gibt es die Wahl zwischen der Altersvollrente und verschiedenen Stufen der Altersteilrente. Wer früher in Altersvollrente geht, muss allerdings mit Rentenabschlägen rechnen.

Ein solch variables Rentensystem könnte ein Lösungsansatz für viel diskutierte Probleme sein:

» Ältere Beschäftigte, die nicht sofort in Vollzeitrente gehen möchten, können länger arbeiten.
» Der Fachkräftemangel und Know-how-Verlust werden abgeschwächt.
» Die jüngeren Beitragszahler werden entlastet, denn die älteren Arbeitnehmer zahlen länger in die Sozialkassen ein.

Die sogenannte Flexi-Rente, welche ebenfalls Bestandteil des Rentenpakets ist, ist ein erster Schritt in diese Richtung. Sie vereinfacht eine befristete Weiterbeschäftigung nach erreichen des Renteneintrittsalters.

Weitere Informationen rund um das Rentenpaket finden Sie hier:

Bundesministerium für Arbeit und Soziales
Rentenpaket.de
Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft

*Vgl. Middelhoff, P.; Schmergal, C.; Schrep, B. (2014): Im Unruhestand. In: Der Spiegel, Nr. 21, 2014, S. 18 – 25.

 
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