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Hessenboebbel

Thema des Monats: Dezember 2014

Industrielle Digitalisierung – ein globaler Wettlauf um die digitale Wettbewerbsfähigkeit

Der Megatrend Digitalisierung ist eine immense Herausforderung für die europäische Industrie im technologischen Wettrennen und eine herausragende unternehmerische Chance. Europäische Konzerne müssen sich auf zukunftsweisende Rahmenbedingungen verlassen können, um mit US-amerikanischen Entwicklungen mitzuhalten und Märkte selbst aktiv zu gestalten. EU-Ratspräsident Matteo Renzi wird hierzu in Kürze einen Plan für ein „Digitales Europa“ vorlegen. Was bedeutet das für die deutsche Industrie? Welche infrastrukturellen Voraussetzungen müssen von der Politik geschaffen werden?

Interxion Deutschland
Interxion Deutschland

Die Digitalisierung verändert nicht nur Produkte und Herstellungsprozesse, sondern die gesamte Art des Wirtschaftens. Smart Factory, Industrie 4.0, Internet der Dinge, Embedded Systems – die Begriffe werden im Zuge aktueller industrieller Entwicklungen häufig synonym gebraucht, zumindest sinnähnlich. Verstanden wird darunter die Vernetzung voneinander lernender Maschinen, die selbstkonfigurierende und selbstoptimierende Steuerung von Wertschöpfungsnetzwerken sowie damit auch eine Veränderung der Arbeitswelt –
die IT wird zur Querschnittsbranche der Industrie (lesen Sie dazu das Thema des Monats November).

Digitalisierung ist eine „riesige Herausforderung“
Die „riesige Herausforderung“, wie die Europa-Abgeordnete Angelika Niebler die industrielle Digitalisierung kürzlich nannte, erfordert ehrgeizige Ziele – dazu zählen auch die rasche Schaffung rechtlicher und steuerlicher Rahmenbedingungen. EU-Kommissar Günther Oettinger, zuständig für Digitale Wirtschaft in Junckers Kabinett, mahnt hier zu mehr Entschlossenheit. Das EU-Vorhaben eines europäischen digitalen Binnenmarktes soll gewährleisten, dass Europa den Anschluss an die US-Digitalwirtschaft nicht verliert. Europäische Unternehmen liefen sonst Gefahr, zu einem reinen Zulieferer zu werden. Das Silicon Valley gilt als Vorreiter digitaler Technologien.
In der Vernetzung von Maschinen sehen sich deutsche Unternehmen gut aufgestellt. Sie sind Motor des Fortschritts in Europa, weltweit wird die digitale Vernetzung von deutschen Firmen führend geleistet. Karl-Heinz Streibich, Vorsitzender der Darmstädter Software AG und Mitglied der Initiative Industrieplatz Hessen, stellt als einer ihrer Treiber fest: „Wir bringen [.] die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umsetzung von ‘Industrie 4.0‘ mit“.1

Digitale Infrastruktur ist die Basis der Industrie 4.0
Peter Knapp, Geschäftsführer des Rechenzentrumsanbieter Interxion Deutschland GmbH, hegt allerdings große Zweifel hinsichtlich der infrastrukturellen Umsetzung. Interxion betreibt in der Hanauer Landstraße in Frankfurt a. M. in riesigen Hallen voller Hochleistungsrechner den größten Datenumschlagplatz Europas und eines der größten deutschen Cloud-Zentren. Auch Knapp sieht deutsche Unternehmen stabil aufgestellt. Die meisten Rahmenbedingungen stimmten, die Industrie habe ihre Hausaufgaben gemacht. Was ihm Sorge bereitet, ist die mangelhafte technische Infrastruktur. Hier ist die Politik in der Pflicht. Während sich private Haushalte mit 50 Megabit pro Sekunde – dem Ausbauziel der bundesweiten flächendeckenden Versorgung – glücklich schätzen könnten, benötigten die Technologien der nahen Zukunft 30- bis 40-mal höhere Geschwindigkeiten. Würden jetzt, zum Dezember 2014, alle Maschinen miteinander vernetzt über das Internet der Dinge kommunizieren, wären die Knotenpunkte völlig überlastet.

Auch die IT-Infrastruktur innerhalb der Unternehmen wäre angesichts der zu erwartenden Datenpakete überfordert. Knapp zieht das Fazit: „Wenn wir Industrie 4.0 wirklich wollen, dann müssen wir Vorreiter bei der digitalen Infrastruktur sein.“2

Investitionen in Infrastruktur nötig
Die Infrastruktur ist nach Einschätzung von hessischen Unternehmern die Basis aller Entwicklungen. Hält die Basis nicht mit den Technologien Schritt, kann die Industrie 4.0 nicht tragfähig gestaltet werden. Die Hessen Trade & Invest, beauftragt vom Hessischen Wirtschaftsministerium, führt mit Unterstützung der Vereinigung hessischer Unternehmerverbände e.V. (VhU) aktuell eine Studie zu diesem Thema durch. Bislang bleiben die politischen Ziele hinter den wirtschaftlichen Erfordernissen zurück. Eine notwendige deutschlandweite Versorgung mit Glasfaserkabeln erfordert Investitionen in Höhe von ca. 85 Milliarden Euro.

In der deutschen Industrie wächst in diesem Zusammenhang die Befürchtung, dass Europa und insbesondere Deutschland auch aus einer übertriebenen Sorge um die IT-Sicherheit entscheidend an Boden verlieren. Bedenken um die Datensicherheit und Datennutzung, geschürt durch die Enthüllungen von Edward Snowden und die NSA-Affäre, könnten den technologischen Ausbau für Datentransfers bremsen. Das verlorene Vertrauen in die Sicherheit von Daten würde dann zu einem ernsthaften Problem der deutschen Wirtschaft und seiner Infrastruktur. Insbesondere mittelständische Unternehmen sind allerdings in hohem Maße auf modernste technische Infrastruktur wie etwa Cloud-Lösungen angewiesen. Gleichwohl ist die Sicherheit von Daten unverzichtbar.
Unternehmen, die in sichere und moderne Dateninfrastruktur investieren, müssen besonders unterstützt werden. Technologie- und Investitionsförderung sind elementarer Bestandteil der Infrastrukturwende.  

Eine hochwertige digitale Infrastruktur ist notwendige Bedingung dafür, dass Deutschlands und Hessens Fabriken intelligent werden. Das Potential, die Innovationskraft und die Technologien dazu haben sie.

 

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1,2 Rossner, Eva (2014). Frankfurter Allgemeine Zeitung, Verlagsspezial Industrie 4.0, „Zwischen Wunsch und Wirklichkeit“, 18. November, S. V5.

 

 

 

 
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