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Hessenboebbel

Thema des Monats: Februar 2015

Sharing Economy – das Teilen als ökonomisches Leitprinzip und seine Auswirkungen auf die Wirtschaftswelt

Die Sharing Economy entwickelt sich zum neuen Megatrend der globalisierten Wirtschaftswelt, das kommerzielle Teilen gilt als Gewinner der Digitalisierung. Manche sprechen gar von einem neuen Zeitalter. Digitale Technologien, vernetzte Geräte und Flexibilität sind die Treiber. Dem Trend liegt der Gedanke zugrunde, dass Menschen weniger besitzen denn nutzen wollen – Zugang statt Eigentum. Was sind die Auswirkungen? Welche Geschäftsmodelle leiten sich aus dieser neuen Denke ab, was bedeutet der Trend für die industriellen Unternehmen, wo liegen Chancen und Grenzen?

Konsumenten kaufen Bohrmaschinen nicht, weil sie eine Bohrmaschine benötigen, sondern weil sie ein Loch bohren wollen. Städter brauchen möglicherweise kein Auto, wollen aber in unregelmäßigen Abständen Fahrten von A nach B erledigen. Kinder wollen heute einen Lego-Bahnhof, ein Monat später jedoch den Bauernhof von Playmobil, der Bahnhof verstaubt in der Ecke.

Die Teilkultur des Silicon Valley
Ändert diese Motivlage von Konsumenten etwas an der Art des Wirtschaftens, gar am gesamten Wirtschaftssystem? Ja, würden Travis Kalanick, Brian Chesky oder Noah Karesh sagen, die Gründer von Uber (dem geteilten, privaten Taxiservice), Airnbnb (der geteilten Wohnung) oder Feastly (dem geteilten Dinner) – den Pionieren der Share Economy Kultur aus dem Silicon Valley. Tauschbörsen, die genau das anbieten – den Tausch und das Teilen von Werkzeugen, Autos, Wohnungen, Kleidung, Spielsachen, Dienstleistungen – sprießen derzeit auch in Deutschland aus dem Boden. Wer Dinge nicht besitzt, sondern leiht, ist flexibler, investiert effizienter, lebt dadurch günstiger und obendrein sozialer, so der Tenor unter seinen Anhängern.

Das Teilen von Gebrauchsgegenständen ist kein gänzlich neues Prinzip – Skiausrüstung, Schlittschuhe, Bücher, Videos, etc. sind als Leihgüter gesellschaftlich und wirtschaftlich etabliert.
Der „Shareconomy“ schwingt darüber hinausgehend eine altruistische, sozial motivierte Konsumverzichts- und antikapitalistische Haltung mit, diese spiegelt sich in der Realität allerdings selten wider.1 Der Tauschgedanke, auch von Konsument zu Konsument (P2P), geht über Nachbarschaftshilfe hinaus. Das Teilen wird kommerzialisiert, der Mensch darin zu einem flexiblen Unternehmer, der über digitale Technologien vernetzt Sharing-Dienste anbietet und/oder nutzt. Diese grenzen sich von Business-to-Consumer-Angeboten (B2C) ab, in denen Sharing-Modelle eine Weiterentwicklung der traditionellen Geschäftsmodelle sind.

Konsequenzen der Sharing Economy
Was bedeutet das für die Wirtschaft im Allgemeinen und die Industrie im Speziellen? In der Konsequenz des kollaborativen Konsums (oder Kokonsums) brauchten Menschen weniger Bohrmaschinen, weniger Autos und weniger Lego. Die Nachfrage ginge zurück, Unternehmen wären gezwungen weniger zu produzieren. Gleichzeitig wäre das Geld volkswirtschaftlich nicht verloren, es würde lediglich an anderer Stelle – sinnvoller, wie Befürworter betonen – eingesetzt.2 Zurzeit steigt der Konsum von Neuwaren noch immer. In Expertenkreisen werden auch Varianten diskutiert, wonach durch geteilte Nutzung und finanzielle Einsparungen auch langfristig insgesamt mehr konsumiert wird.

Selbst der Ökonom Jeremy Rifkin, einer der Verfechter der Share Economy, sieht darin (zumindest in absehbarer Zeit) nicht das Ende des Kapitalismus. Er spricht in dem Zusammenhang von der „Null-Grenzkosten-Gesellschaft“. Seine Prognosen gehen von einer Veränderung des Wirtschaftssystems der nächsten Jahrzehnte hin zu einer Hybridwirtschaft aus, der Koexistenz von kollaborativem Gemeingut und dem Kapitalismus.


Sharing EconomyHerausforderungen und Chancen für die Industrie
Gleichwohl stellen die Veränderungen Unternehmen vor Herausforderungen. Die Industrie muss die Bedürfnisverschiebung der Konsumenten ernst nehmen und entsprechende Angebote schaffen. Zugleich bietet die Share Economy im B2C-Bereich Unternehmen und ganzen Branchen die Chance, sich zu innovieren.3 
Das ist für die Industrie nicht gänzlich neu. Schon jetzt bieten kommerzielle Unternehmen Baumaschinen für Haus und Garten zur Miete, so zum Beispiel HKL Baumaschinen mit Filialen in Nieder-Eschbach und Flörsheim-Weilbach, Boels und GS Maschinen Mietzentrum in Fechenheim. Automobilhersteller können mit Carsharing-Diensten neue Zielgruppen erschließen, nämlich diejenigen, die nicht den Besitz, sondern die Mobilität wertschätzen. Harald Heinrichs, Professor für Nachhaltigkeit und Politik in Lüneburg und Autor einer Studie zum kollaborativen Konsum rät Unternehmen folglich: „Jedes Unternehmen muss sich fragen, ob es ein Produkt hat, das sich für das Teilen und Tauschen eignet, und die entsprechenden Modelle untersuchen […]“4 

 Die Industrie kann dann von bestehenden Sharing-Strukturen profitieren, Tauschplattformen werden für Industrieunternehmen zunehmend attraktiv. Ebay beispielsweise startete als ein P2P-Marktmodell und wird mittlerweile von professionellen Anbietern dominiert. Eine ähnliche Professionalisierung erwarten Experten auch bei den neu entstehenden Plattformen.
Ökonomen sehen in der Share Economy einen wachsenden Markt für qualitativ hochwertige Waren, die auch nach mehrmaligem Weitergeben ihren Verwendungszweck noch zuverlässig und effizient erfüllen, denn nur dann funktioniert der Handel ressourcenschonend und für den Konsumenten mehrwertig. Billigware hingegen wäre ein Verlierer dieser Entwicklung.5

Auch das Crowdfunding-Prinzip, basierend auf dem Teilen von Kapital, Risiko und Rendite, kann für die Industrie wertsteigernd sein und unternehmerische Investitions- und Innovationsfähigkeit stärken.6

Die Vernetzung und der Austausch von Leistungen funktionieren auch umgekehrt auf Anbieterseite. Das Sharing-Prinzip lässt sich auf die Beziehungen zwischen Unternehmen (B2B) anwenden, beispielsweise hinsichtlich der Nutzung, Weitergabe oder Leihe von Büro- und Fabrikräumen, Rohstoffen, der Entwicklung und Nutzung von Technologien, Maschinen- und Anlagen, der Logistik. Überkapazitäten können gelistet und dann „verliehen“ werden, an Privatkunden oder Unternehmen. Das Teilen wird dann verstärkt angebotsgetrieben von Unternehmen angekurbelt.

Dem Teilen sind allerdings auch natürliche Grenzen gesetzt, Sharing-Prozesse funktionieren nur auf der Grundlage geringer Transaktionskosten. Durch digitale Technologien wurden die Transaktionen rentabel. Die materielle Umsetzung ist allerdings nur in städtischen Ballungszentren lukrativ. Auf dem Land hingegen ist die logistische Ausführung mit weiten Wegen verbunden und damit unprofitabel.7

Die Politik ist gefordert
Die Politik schaut derzeit vor allem kritisch auf steuerliche Grauzonen, Fragen zu Versicherung und Verbraucherschutz, Datensammlung und -sicherheit. Sie ist gefragt, den gesetzlichen Rahmen den neuen Technologien und Geschäftsmodellen anzupassen, ohne Arbeitnehmerrechte zu vernachlässigen und unlauteren Wettbewerb zuzulassen.

 

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Foto: DN / pixelio.de


1 Grau, A. (2014), Cicero. Der Schein des Teilens.
2 Werner, K. (2014), Süddeutsche. Teilst du schon?
3 Springer for Proessionals (2015). Innovationen entstehen durch Brainstorming in der Crowd.
4 Hoffmann, M. (2013), manager magazin. Die neue Ökonomie des Teilens. Deins, meins – egal.
5 Tilz, J. (2013), Focus. Auto, Kleidung, Werkzeug: Teilen statt Kaufen liegt im Trend.
6 The Economist (2013). The rise of the sharing economy.
7 Dierig, C. (2015), Die Welt. Das Märchen vom Durchbruch des Carsharings.


 
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