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Hessenboebbel

Herausforderung Flüchtlingskrise

Wie hessische Unternehmen Flüchtlinge in Ausbildung und Arbeit integrieren

Jeyatheepan Ganesalingam und Awet Foto Habtay. Foto: Gerd Scheffler

Eine der größten Herausforderungen 2015 für Wirtschaft und Politik waren die Flüchtlingsströme. Zum Ende des Jahres wurden insgesamt 476.649 formelle Asylanträge beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gestellt. Damit hatte sich die Zahl gegenüber 2014 mehr als verdoppelt. 34 % der Asylbewerber kamen aus Syrien.

Die Zahl der tatsächlichen Einreisen in Deutschland lag jedoch deutlich höher. Bis Dezember 2015 kamen insgesamt 1,1 Mio. Menschen ins Land auf der Suche nach Schutz, Arbeit und einem besseren Leben. Das Land Hessen nahm 2015 rund 80.000 der Asylsuchenden auf, 80% davon Syrer. Bis 2016 muss laut Bundesinnenministerium mit mindestens einer weiteren Million Flüchtlinge gerechnet werden. Und das ohne Familienzuzug. Selbst wenn es der Bundesregierung gelingt den Zuzug zu verlangsamen, verhindert werden kann er nicht.

Fakt ist: Schon 1 Mio. Menschen ohne Deutschkenntnisse, mehrheitlich ohne Berufsqualifikation, werden nicht in einem Jahr einen Arbeitsplatz haben, Steuern und Sozialabgaben zahlen. Mindestens die Hälfte, vielleicht zwei Drittel werden von unseren Sozialsystemen aufgefangen werden. Dort dürfen sie auf keinen Fall bleiben.

„Deshalb ist das erklärte Ziel der hessischen Wirtschaft, zu helfen und möglichst viele Menschen so schnell wie möglich in Arbeit und Ausbildung zu integrieren.“, erklärte VhU-Hauptgeschäftsführer Volker Fasbender auf der Pressekonferenz zur Veröffentlichung des Positionspapiers „Arbeit und Ausbildung für Asylsuchende erleichtern – aber auch Rückkehr von abgelehnten Antragstellern in die Heimatländer durchsetzen“ am 29. September 2015 in Wiesbaden.

 

Metall- und Elektroindustrie

Laut der im Dezember 2015 vorgelegten Chef-Umfrage des Arbeitgeberverbands HESSENMETALL, an der sich insgesamt 237 Mitgliedsunternehmen mit 87.510 Beschäftigten beteiligten, haben schon jetzt über 6 Prozent der Unternehmen in der hessischen Metall- und Elektroindustrie Flüchtlinge eingestellt, über 30 Prozent haben es kurzfristig geplant. Dies sind erstaunlich hohe Zahlen, wenn man in Betracht zieht, wie kritisch die M+E-Unternehmen die Qualifikation der Azubis bewerten, wie schwer es aktuell noch ist, Flüchtlinge überhaupt zu rekrutieren und dass es in der Metall- und Elektroindustrie praktisch kaum Helferjobs gibt.

Neben der Integration in Arbeit bieten viele Unternehmen Unterstützung bei der Erstversorgung in Form von Sachspenden, kostenlose Überlassung von Räumen und Geld-Sammlungen. Als weitere Sofort-Maßnahme haben viele Unternehmen ihre Angebote an Praktika und Einstiegsqualifikationen für alle Niveaus ausgeweitet und spezielle Flüchtlingskontingente geschaffen. Flankiert werden diese oft durch Patenschafts- oder Mentoren-Programme der Mitarbeiter.

 

INCHARGE – for the next generation in charge

Eines dieser Programme ist die Initiative INCHARGE, mit der namhafte Unternehmen und Institutionen aus Hessen Flüchtlinge fit für den Arbeitsmarkt machen wollen. Bei INCHARGE übernehmen Mitarbeiter aus großen Unternehmen wie Opel, Kienbaum, der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), Sixt oder K+S eine Mentorenrolle für Flüchtlinge und helfen diesen beim Spracherwerb, dem Schreiben von Bewerbungen oder dem Gang zu Ämtern und Behörden.

 

Helfen mit Engagement

Aber auch Einzelbeispiele aus den Unternehmen der hessischen Wirtschaft zeigen das Engagement der Industrie, Flüchtlingen den ersten Kontakt mit dem deutschen Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

Die VACUUMSCHMELZE GmbH & Co. KG in Hanau startete Ende Januar 2016 ein Pilotprojekt, in dem zunächst zehn Flüchtlingen in einer Art Praktikum die Grundkenntnisse im Metallbereich vermittelt werden sollen. Für acht Wochen stellt das Unternehmen den erwachsenen Praktikanten neben ihren Räumlichkeiten auch einen freien Ausbilder sowie die notwendigen Werkzeugkoffer zur Verfügung. Mit den Erfahrungen des Pilotprojekts wird sich zeigen, wie sich das Programm in Zukunft gestalten wird. Neben der Förderung erwachsener Asylbewerber richtet sich das Unternehmen auch an junge Migranten. VAC bietet im Rahmen des Projekts „Junge Migranten vor dem Schulabschluss – Hilfen zum Einstieg in den Beruf“ ein zweiwöchiges Schülerpraktikum mit dem Schwerpunkt Metall/Elektro an.

Auch Limtronik sieht in den jungen Migranten ein großes Potential. Zuletzt bewies das Jeyatheepan Ganesalingam, der 2009 aus seiner Heimat Sri Lanka floh. Heute hat er seinen Realabschluss in der Tasche und die Ausbildung zum Industrie-Elektriker bei Limtronik abgeschlossen – als Bester in Hessen. Der nächste steht schon in den Startlöchern, um seine Chance bei Limtronik zu nutzen. Awet Foto Habtay möchte nach Praktikum und Hauptschulabschluss nun seine Ausbildung beginnen.

Der Mess- und Regeltechnikspezialist Samson will ebenfalls rund 30 jugendlichen Flüchtlingen eine Einstiegsqualifizierung zur Berufsorientierung ermöglichen. In Planung ist auch ein Partnerschaftsprogramm, sodass jeder Schützling von einem Mitarbeiter individuell betreut werden kann. 

Aber auch Sach- und Zeitspenden sind wertvoll. So will Opel beispielsweise Fahrzeuge für die Helfer in den Flüchtlingsunterkünften zur Verfügung stellen. Heike Kopp von Kopp Schleiftechnik in Winterkasten hingegen investiert ihre Freizeit, um in der Zeltstadt in Bensheim zu helfen. Seit August arbeitet Kopp nach Feierabend als Helferin im Lager. Tagsüber leitet sie Kopp Schleiftechnik, einen Zulieferbetrieb der Auto- und Flugzeugindustrie, und abends gibt sie Deutschkurse für Flüchtlinge.

 

Flüchtlinge lösen Fachkräfteproblem nicht

Die Wahrheit ist: Die Mengen an Flüchtlingen sind nicht die Lösung für den zurzeit in Deutschland herrschenden Fachkräftemangel.

Der IAB-Bericht, die aktuelle ifo-Umfrage und Zahlen, die BA-Chef Frank-Jürgen Weise auf dem deutschen Arbeitgebertag benannt hat, zeigen, dass die Integration der Flüchtlinge länger dauern wird, als viele glauben: 10 Prozent der Bleibeberechtigten seien gut ausgebildet und rasch vermittelbar. Bis 50 Prozent der Eingewanderten in Lohn und Brot seien, würden 5 Jahre ins Land gehen. Bis 70 Prozent arbeitsfähig seien sogar 10 Jahre. Das bedeute: Je höher die Qualifikationsvoraussetzungen für Ausbildung und Arbeit, desto schwieriger wird die Integration. Die Metall- und Elektro-Industrie hat beispielsweise enorme Qualitätserwartungen schon an ihre Ausbildungskandidaten und erst recht für ihre Fachkräfte. Diese Voraussetzungen müssen erst gewährleitet sein, bevor die Integration in Arbeit erfolgen kann.

 

Artikel von Anna Sonnick

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Infos & Termine

 

BWHW - Bildungswerk

Seit dem 10.11.15 finden man auf der Webseite www.bwhw-welcome.de ein praktisches Integrationsangebot, dass sich gezielt an Flüchtlinge wendet. Hier präsentiert das Bildungswerk Informationen zu den Bildungswerksangeboten für Flüchtlinge. Die Seite ist auch den Sprachen Arabisch, Englisch, Französisch Urdu (Pakistan) und Farsi (Iran) abrufbar.

http://www.bwhw-welcome.de/

Alle Projekte und Unterstützungsmaßnahmen des Bildungswerks finden Sie auf den Seiten der VhU.

Projekte und Maßnahmen des Bildungswerks

 

ICW16 – IntegrationsCamp der Wirtschaft

Mit der Integration von Flüchtlingen in Ausbildung und Arbeit betreten viele Unternehmen und Institutionen überwiegend Neuland. Deswegen lädt die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU) zu einem BarCamp, in dessen Mittelpunkt der Erfahrungsaustausch stehen soll – über Konzepte, die bereits erprobt wurden oder in den nächsten Wochen starten. Die VhU wird zunächst die unterschiedlichen Ansätze sowie die wichtigsten Förderinstrumente und Ansprechpartner für Unternehmen vorstellen. Im Lauf des Tages haben die Teilnehmer dann die Gelegenheit, die Konzepte näher kennenzulernen, die für Ihr Unternehmen erfolgversprechend sind und Kontakte zu knüpfen.

IntegrationsCamp der Wirtschaft – ICW16

am Montag, 29.02.2016, 10:00 bis 18:00 Uhr

im Haus der Wirtschaft Hessen, Emil-von-Behring-Str. 4, 60439 Frankfurt

Herzlich eingeladen sind auch alle Personen, die Integrationsmaßnahmen in Arbeit und Ausbildung vorbereiten, begleiten oder unterstützen.

Anmeldung: https://openspacer.org/95-integrationscamp-der-wirtschaft-2016-icw16/

Im Blog zum IntegrationsCamp sind alle Infos zu bestehenden Initiativen, Session-Vorschläge, Kommentare und eigene Beiträge willkommen. Informieren Sie sich, diskutieren Sie mit und gestalten Sie zusammen die Inhalte des BarCamps im Februar!

Blog: https://integrationscamp.wordpress.com/2015/11/30/icw16-das-austauschforum-fur-integration/

 

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Weiterführende Links

 

 

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Quellen

 

Bundesministerium des Inneren, Pressemitteilung vom 06.01.2016, „2015: Mehr Asylanträge in Deutschland als jemals zuvor“, http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2016/01/asylantraege-dezember-2015.html

 

Bundesministerium des Inneren, Aktuelle Zahlen zu Asyl, Ausgabe: Dezember 2015, https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/Statistik/Asyl/statistik-anlage-teil-4-aktuelle-zahlen-zu-asyl.pdf?__blob=publicationFile

 

AKTIV Wirtschaftszeitung, Ausgabe vom 24.10.2015, S.8, „So geht Integration“, Artikeldownload

 

AKTIV Wirtschaftszeitung, Großes AKTIV-Spezial vom 19.12.2015, „Ein Land packt an“, http://story.aktiv-online.de/2015/12/grosses-aktiv-special-wie-deutschland-die-fluechtlingskrise-anpackt/

 

VACUUMSCHMELZE GmbH & Co. KG, Pressemitteilung vom 21.01.2016, "Hilfe zur Selbsthilfe – VAC engagiert sich mit verschiedenen Aktionen für Flüchtlinge", http://www.vacuumschmelze.de/fileadmin/Medienbiliothek_2010/Aktuelle_Meldungen/2016/01-16_Fluechtlingsunterstuetzung.pdf

 

 
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