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Mythos Entgeltlücke

Berufswahl und Arbeitszeiten entscheiden über die Entgelthöhe. In einer sozialen Marktwirtschaft gilt: Tarife gelten für Berufsgruppen und nicht für Geschlechtergruppen.

Marina Klooz ist als Ingenieurin bei Mann+Hummel in einer Männer-Domäne unterwegs. Foto:Frank Eppler

Die Entgeltlücke zwischen den Geschlechtern, der sogenannten Gender Pay Gap, reduziert sich bei näherer Betrachtung der jüngsten Erhebungen auf weniger als 2 Prozent. Wesentliche Einflussfaktoren sind die längere Erwerbsarbeitszeit und das karriereorientiertere Berufswahlverhalten der Männer. Dass die Entgeltlücke also auf eine ungleiche und ungerechte Entlohnung von Männern und Frauen zurückzuführen ist, ist nichts als ein Mythos. Und der „Equal Pay Day“ ist ein gutes, aber Interesse geleiteter PR-Event! Aber auch ein guter Anlass, sich noch einmal zu vergewissern, wie es sich tatsächlich verhält.

Deutschland ist eine soziale Marktwirtschaft, in der es staatliche Rahmenbedingungen für die Wirtschaft gibt. Die Behauptung: Es gäbe eine Bezahlung nach Geschlecht, ist falsch. Eine Bezahlung nach Geschlecht ist gesetzeswidrig. Wer wie viel zu verdienen hat, wird auch nicht willkürlich bestimmt. Arbeitgeber und Arbeitnehmer handeln über ihre Interessensvertretung gleichberechtigt die Entgelthöhe und die weiteren Arbeitsbedingungen aus. Grundlage hierfür ist die im Grundgesetz Art. 9, Absatz 3 festgelegte Tarifautonomie. Eine Andersbehandlung aufgrund einer bestimmten Geschlechtszugehörigkeit verbietet das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Tarife finden ihren Abschluss ausschließlich durch Konsens, unter Berücksichtigung bestehender Gesetze. Es existiert kein gültiger Tarifvertrag, indem zwischen Frauen und Männern unterschieden wird. Tarife gelten für Berufsgruppen und nicht für Geschlechtergruppen.

Rein statistisch lässt sich allerdings ein geringer Entgeltunterschied zwischen Frauen und Männern nachweisen. Wir erläutern, wie sich der sogenannte Gender Pay Gap erklären lässt.

Weniger Erwerbsarbeitszeit bedeutet weniger Verdienst

Innerhalb eines Arbeitslebens arbeiten Männer wesentlich länger in Erwerbstätigkeit als Frauen. Zu diesem Ergebnis kam das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Während Männer auf durchschnittliche 38,1 in Vollzeit gearbeitete Jahre kommen, sind Frauen mit 23,4 Jahren wesentlich weniger in Erwerbstätigkeit (Grafik 1). Besonders bei älteren Generationen kommen hier traditionelle Erwerbsmuster zum Tragen. Bei berufstätigen Müttern sind oft fehlende Ganztagsbetreuungsangebote in Schulen der Grund für eine mangelnde Vereinbarkeit zwischen Kindererziehung und Vollzeittätigkeit.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch das WSI GenderDatenPortal der gewerkschaftsnahen Hans Böckler Stiftung. Demnach existiert ein erheblicher Unterschied in der Gender Time Gap, d. h., in der Arbeitszeitlücke zwischen den Geschlechtern. In den Jahren von 1991 bis 2001 reduzierten sich die Arbeitszeiten bei beiden Geschlechtern. Bei den Frauen allerdings dreifach so stark, wie beim männlichen Geschlecht. So lag im Jahr 2013 die durchschnittliche Arbeitszeit der erwerbstätigen Frauen bei 30,3 Stunden, während erwerbstätige Männer auf 39,6 Stunden kamen (Grafik 2). Trotz dieser erheblichen Reduzierung der Arbeitszeit der Frauen, nahm deren Beschäftigungsquote jedoch gleichzeitig von 1991 bis 2001 stark zu. Das Ergebnis der Studie: Männer und Frauen verteilen sich unterschiedlich auf die einzelnen Arbeitszeitgruppen. Das heißt, Frauen befinden sich häufiger in Teilzeit als Männer, weil sie mehr Familienarbeit leisten und überwiegend die Kinder erziehen.

Grafik 1

 

Grafik 2

Berufswahl entscheidet über die Entgelthöhe

Der wichtigste Faktor ist der berufliche Werdegang. Bei der Berufswahl lässt sich immer noch eine traditionelle Fixierung erkennen. Männer und Frauen suchen sich nach wie vor unterschiedliche Berufe und Arbeitgeber aus. Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass Berufe mit einem Bezug zur Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik immer noch eine Männerdomäne sind, während viele junge Frauen immer noch in typische Frauenberufe gehen, die im Schnitt deutlich schlechter entlohnt werden. Die gut bezahlten Berufe z. B. eines Kfz-Mechatronikers, eines Industriemechanikers oder Elektronikers sind bei den Männern unter den Top 5 der am stärksten besetzten Ausbildungsberufe 2014. Bei den Frauen hingegen schaffen sie es nicht einmal in die Top 10.

Grafik 3

Auch die letzte Verdienststrukturerhebung aus dem Jahr 2010 belegte besonders hohe Frauenanteile in besonders niedrig bezahlten Berufen (Grafik 3).

Auf Hochschulebene ist ebenfalls zu erkennen, dass sich junge Frauen an traditionellen Rollenbildern orientieren. So fiel der Frauenanteil in den MINT-Fächern Physik (23,2 %), Informatik (14,3 %) und Maschinenbau (9,8 %) zum Wintersemester 2012/2013 sehr gering aus, was allerdings dem Langzeittrend entspricht, während sich die Studiengänge Germanistik und Pädagogik zu über drei Vierteln aus Frauen zusammensetzten.

Die “geschlechtsspezifische Entgeltlücke“ vergleicht Äpfel mit Birnen

Bei der Berechnung des Entgeltunterschieds werden aber Mechatroniker mit Verkäuferinnen und Informatiker mit Sozialpädagogen in einen Topf geworfen, ungeachtet der geschlechterspezifischen Verteilung. Das ist als würde man Äpfeln mit Birnen vergleichen. Das eigentliche Problem ist nicht, dass das Gehalt durch das Geschlecht bestimmt wird, sondern dass unterschiedliche Berufe aus unterschiedlichen Branchen miteinander verglichen werden sobald es um den Gender Pay Gap (GPG) geht. Dieser Aspekt wird auch vom Statistischen Bundesamt als einer der Hauptursachen angegeben, mit denen zwei Drittel des unbereinigten GPG erklärt werden können.

Neben Berufs- und Branchenwahl zählen die „ungleich verteilten Arbeitsplatzanforderungen hinsichtlich Führung und Qualifikation sowie ein niedrigeres Dienstalter und ein geringerer Beschäftigungsumfang bei Frauen“ zu den weiteren Einflussfaktoren. Beim bereinigten Gender Pay Gap werden diese strukturellen Unterschiede herausgerechnet. Aufgrund der Mindestlohneinführung fiel der Gesamt-GPG des letzten Jahres mit 21,3 Prozent geringer aus als 2014 (21,6 Prozent). Der bereinigte GPG liegt für 2015 bei 7,1 Prozent. Bei den Verdienstzahlen des letzten Jahres entspricht das einem durchschnittlichen Bruttostundenverdienst von 1,46 Euro (Grafik 4).

Grafik 4

Entgeltlücke ist statistisch erklärbar

Bei der Berechnung durch das Statistische Bundesamt werden jedoch nicht alle denkbaren Faktoren zur Bereinigung des Gender Pay Gap einbezogen. Frühere Studien des WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) zeigten auf Basis des sozio-ökonomischen Panels, dass unter der Einbeziehung weiterer Faktoren die Entgeltlücke vollständig geschlossen werden kann. Um diese Entwicklung zu fördern ist es wichtig, weiterhin Projekte wie den Girls' Day zu fördern und junge Mädchen an typische Männerberufe heranzuführen, um in der Zukunft mehr Chancengleichheit zu sichern.

Grafik 5

Entgeltlücke verpufft

Werden alle Einflussgrößen bei der Berechnung des Gender Pay Gap berücksichtigt, so beträgt der Entgeltunterschied zwischen Frauen und Männern laut IW Köln weniger als 2 Prozent, selbst wenn von einer familienbedingten Auszeit von 18 Monaten ausgegangen wird (Grafik 5).

Je höher die Hierarchieebene, desto geringer die Entgeltunterschiede

Bestätigt wird dieser Wert durch eine aktuelle Studie der Managementberatung Kienbaum. Sie zeigt, dass Frauen, die eine hohe Position anstreben, das Gleiche verdienen, wie ihre männlichen Arbeitskollegen. Im Topmanagement gibt es demnach so gut wie keine Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern. „Je höher die Hierarchie umso geringer sind die Gehaltsunterschiede“, erklärte auch der Vergütungsexperte Dr. Sebastian Pacher erst kürzlich gegenüber dem Handelsblatt.


Wenn Frauen sich stärker in Konkurrenzdimensionen der Männer begeben und im Vorfeld einen beruflichen Werdegang wählen, der große Aufstiegschancen bereit hält, dann können sie in der gesamten Berufsentwicklung aufschließen. In den kaufmännischen Professionen, in den Personal- und Kommunikationsbereichen haben die Frauen stark aufgeholt. In den technischen Berufen hätten sie noch große Chancen, das Tempo zu beschleunigen.

 

Fazit

Über die Balance von Erwerbsarbeit und Familienarbeit zu entscheiden, bleibt das ausschließliche Recht der Lebenspartner. Je karriereorientierter sich Frauen verhalten, desto geringer werden die Entgeltunterschiede werden. Umgekehrt ist es unverändert das gute Recht von Familien, sich auch weiterhin für eine traditionelle Rollenteilung zu entscheiden. In beiden Fällen und in allen Mischformen dazwischen kann und muss der Staat die entscheidenden Rahmenbedingungen setzen: Insbesondere muss er genügend Kinderbetreuung und die Ganztagsschulen zur Verfügung stellen, dass beide Eltern ihre Wünsche nach beruflicher Entwicklung bestmöglich umsetzen können. Dass diese Angebote fehlen, ist immer noch das Haupthindernis für Chancengerechtigkeit in der beruflichen Entwicklung. Kluge Unternehmen bieten heute schon im Rahmen ihres Employer Branding spezielle Vereinbarkeitslösungen für Familie und Beruf.

 

Artikel von Marco Saur

 

Quellen

 
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