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Hessenboebbel

Zukunftskongress

Arbeit in der Industrie 4.0 - Chance für den Standort?

Fotos: Gerd Scheffler

Frankfurt am Main. Auf dem gemeinsamen Zukunftskongress von HESSENMETALL und IG Metall loteten 200 Unternehmer und Betriebsräte Chancen und Risiken der digitalen Revolution aus. „Die Metall- und Elektroindustrie als größte Industrie ist auch in Hessen der Treiber dieser Entwicklung. In diesem Zukunftskongress wollten wir als Tarifpartner eine offene Diskussion beginnen, Gemeinsamkeiten ausloten und über gegensätzliche Positionen streiten. Und mit der Politik ins Gespräch kommen, wie wir die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, um die Chancen für den Standort bestmöglich zu nutzen“, waren sich die Gastgeber Jörg Köhlinger, Bezirksleiter IG Metall Mitte, und Wolf Matthias Mang, Vorsitzender des Arbeitgeberverbands HESSENMETALL, einig.

An vier konkreten Fallbeispielen ging es darum, wie sich Arbeit, Arbeitsbeziehungen, Tätigkeiten, Kompetenzen und der Produktivitätsfortschritt im Gefolge von Industrie 4.0 verändern. So müssen die digitalen Effizienzschmieden von Continental Automotive sich Innovationsprodukte im Konzernwettbewerb verdienen. Die Speedfactory der Oechsler AG holt für Adidas die nach Asien abgewanderte Schuhproduktion nach Deutschland zurück durch eine Mischkalkulation aus der Kooperation von Mensch und Maschine. Limtronik vermietet seine Smart Factory als Managementsystem, das die selbständige Zusammenarbeit von Anlagen und Maschinen steuert. Und Bosch Rexroth entwickelt Prozessverbesserungen zunächst für Eigenanwendungen, um sie dann zu verkaufen. In der abschließenden Podiumsdiskussion mit dem hessischen Wirtschaftsminister Tarek Al Wazir, DGB-Vorstand Stefan Körzell, Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander und HESSENMETALL-Hauptgeschäftsführer Volker Fasbender ging es um die tarifpolitischen und politischen Einrahmungen dieser dynamischen weltweiten Entwicklungen.

Fotogalerie zur Veranstaltung

Dokumentation zur Veranstaltung

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Made in Germany stärken

 

Christiane Benner, 2. Vorsitzende IG Metall

„Die Digitalisierung ist eine große Chance für Deutschland. Unsere Produkte sind innovativ und qualitativ hochwertig. Wir müssen die Beschäftigten bei den anstehenden Herausforderungen mitnehmen. Durch unsere starke Sozialpartnerschaft und die Mitbestimmung haben wir die richtigen Instrumente um den Wandel gemeinsam zu gestalten. Im Gegensatz zu Silicon Valley haben wir die Chance Entwicklung und Produktion an einem Ort zu bündeln. Damit das weiterhin möglich ist brauchen die Beschäftigten mehr Freiräume für Weiterbildung und berufsbegleitendes Lernen muss zur Normalität für alle werden. Arbeitsorte müssen zu Lernorten ausgebaut werden. Damit die starke Verzahnung von KMU und Großindustrie weiterhin ein Erfolgsfaktor bleibt, müssen wir die Innovationsfähigkeit stärken und mehr Entwicklung und Forschung betreiben. Wir haben eine gute Ausgangslage um die Herausforderungen zu gestalten. Wir müssen diese Herausforderungen jetzt anpacken. Nur so kann ‚Made in Germany‘ ein Qualitätssigel im 21 Jahrhundert bleiben.“

Christiane Benner, 2. Vorsitzende IG Metall

 

Wolf Matthias Mang, HESSENMETALL-Vorsitzender

„Nur wenn wir im harten Wettbewerb mit den Digitalkonzernen aus dem Silicon Valley um die Steuerung der Märkte durch Digitalisierung an der Spitze bleiben, gewinnt der Standort. Und mit ihm das ‚Made in Germany‘, die deutschen Unternehmer und Arbeitnehmer gleichermaßen. Nur dann kann die deutsche Gesellschaft leistungsstark und zugleich sozial bleiben. Für die 4. industrielle Revolution müssen wir Deutschen uns vom Fabrikausstatter zum kompletten Fabrikanbieter der Welt weiter entwickeln. Dadurch können wir auch Produktion nach Deutschland zurückholen, weil sie durch Automatisierung günstiger und die Nähe zum heimischen Markt wieder ein Wettbewerbsvorteil wird. Dafür brauchen wir Führungswissen, das technologiegetriebene Industrie 4.0 plus marktgetriebenes Industrial Internet vereint. Unsere Stärken sind eine ungebrochene industrielle Tradition, die weltweit einzigartige Einbindung in Produktions- und Vorleistungsverbünde sowie die unaufhaltsame Optimierung der kleinen Schritte. Wenn wir diese Stärken geschickt kombinieren, starten wir aus einer Pole Position. Aber ein Selbstläufer wird das Rennen nicht. Wir müssen uns schon selbst im Innovationsverhalten und den Arbeitsbeziehungen gewaltig verändern, um ganz vorne mitzufahren.“

Wolf Matthias Mang, Vorsitzender HESSENMETALL

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Mein Freund, der Roboter – bei Continental Automotive

Die Continental-Standorte Karben und Schwalbach bündeln technologische Entwicklungen, die die Kommunikation zwischen Mensch und Auto sowie Auto und Auto eröffnen. U.a. steigern im Werk Karben dort kollaborative Roboter Produktivität und Effizienz. „Bei uns arbeiten Roboter nicht in Käfigen sondern vor allem mit Menschen. Für manche sind sie fast schon echte Kollegen geworden und haben auch Namen bekommen. Das ist das beste Zeichen für ihre Akzeptanz“, sagt Werkleiter Jürgen Martin. Betriebsratsvorsitzender Reiner Liebl-Blöchinger vom Entwicklungsstandort Schwalbach ergänzte: „Je besser wir in der Lage sind, Veränderungsprozesse gemeinsam aktiv zu gestalten, je besser wir mit den globalen Anforderungen umgehen können, desto sicherer sind unsere Arbeitsplätze in der digitalen Welt. Der übertriebene Blick aufs Risiko kann Chancen blockieren.“ Jürgen Martin beim Zukunfskongress

Beide sind sich einig: „Die Sensorik hat solch enorme Fortschritte gemacht, dass Roboter heute sehen und fühlen, Entfernungen und Abstände zu daneben arbeitenden Menschen erfassen können. Von den Vorteilen profitieren alle am Standort. Wir haben inzwischen viele Aufträge innerhalb des Konzerns nach Karben und auch in die Entwicklung nach Schwalbach holen können, weil wir einfach sehr effizient arbeiten. Wir sind attraktiver geworden. Die Mitarbeiter sind hoch motiviert. Wir bilden aus und erweitern gerade bei einigen Ausbildungsberufen den Lehrplan in Richtung kollaborative Robotik. Wir hoffen, dass auch die IHK da möglichst bald nachzieht.“

 

Fabrikbauer und -betreiber in einem – Oechsler

„In Asien ist die Schuhfertigung noch sehr von Handarbeit geprägt. Wir haben hier in der Speed Factory voll integrierte Prozesse, so dass man mit deutlich weniger manuellen Fertigungsschritten auskommt“, beschreibt Christoph Faßhauer, Mitglied des Vorstands der Oechsler AG. „Wir produzieren höhere Qualität und haben den Produktionsprozess extrem beschleunigt. Wir haben das Konzept gemeinsam mit Adidas und etlichen Zulieferern entwickelt und implementiert. Bislang dauerte es ab dem Zeitpunkt der Bestellung bis zu vier Monate, bis ein fertiger Spotschuh aus Asien in Deutschland ankommt. Mit der Speedfactory kann Adidas jetzt vor Ort viel schneller auf die schwankende Nachfrage der Kunden reagieren und Modelle, die gut am Markt ankommen, schnell in genügender Menge nachproduzieren und in den Läden anbieten. Damit holen wir Wertschöpfung zurück und schaffen neue Arbeitsplätze.“ Christoph Faßhauer beim Zukunftskongress

Betriebsratsvorsitzender Horst Heidenfelder sagte: „Wenn wir jetzt nicht nur Fabrikbauer, sondern auch Fabrikbetreiber werden, müssen sich die Mitarbeiter künftig einarbeiten in für uns noch neue Fertigungstechniken zur Schuhherstellung wie Stricken, Schäumen und Nähen. Das heißt, wir brauchen Näher aber auch Mechatroniker, Verfahrensmechaniker, Elektroniker, Programmierer und zusätzliche Verwaltungsmitarbeiter.“

 

Eine smarte Fabrik zum Mieten - Limtronik

„Smart Factory ist für uns ein Geschäftsmodell und Alleinstellungsmerkmal, denn bei uns läuft bereits die smarte Fabrik“, sagt Gerd Ohl, Geschäftsführender Gesellschafter. „Und wir vermieten unsere smarte Fabrik auf Zeit inklusive Können und Wissen aller Mitarbeiter an Firmen, die keine eigene Elektronikfertigung unterhalten. Wir haben Ingenieure, die die Entwicklungsabteilung des Kunden unterstützen können, und sogar Layouter für das Design von Elektronikplatinen. Damit sind wir offen für alles. Um all das leisten zu können, brauchen wir sehr gut ausgebildete, teamfähige Mitarbeiter. Deshalb bilden wir auch selbst aus. 80 bis 90 Prozent unserer Beschäftigten sind Eigengewächse. Viele machen noch ihren Techniker oder gehen an eine Hochschule und sie haben bei uns gute Perspektiven. Wir investieren enorm viel in Weiterbildung. Die Angst, dass Industrie 4.0 Arbeitsplätze vernichtet, konnten wir ihnen nehmen. Ende 2009 hatte unser Werk 90 Mitarbeiter, jetzt zählen wir in Limburg 160.“ Gerd Ohl beim Zukunftskongress

Richard Noll, Betriebsratsvorsitzender ergänzt: „Eine kontinuierliche, am Menschen ausgerichtete Weiterbildung ist der Dreh- und Angelpunkt für die Zukunft von I 4.0, deshalb sollten wir als Tarifpartner gemeinsam eine entsprechende Vereinbarung erarbeiten und festlegen. Ich denke da an eine Art Leitfaden für das Heranführen der Betriebe und der Beschäftigten an I 4.0. Das könnte sogar eine Art Gütesiegel werden für die Branche.“

 

Potenzial von Industrie 4.0 für die Fertigung - Bosch Rexroth

„Bosch Rexroth ist der Spezialist für Antriebs- und Steuerungssysteme weltweit mit über 200 Jahren Erfahrung. Wir integrieren Industrie 4.0 in komplett neue Linien, helfen aber auch durch ein Upgrade installierter Einrichtungen und Anlagen“, so Werkleiter Claus Lau. „In Industrie 4.0-Umgebungen unterstützen digitale Assistenten die Mitarbeiter dabei, die Komplexität großer Datenmengen zu beherrschen. Zum Beispiel mit dem intelligenten Handarbeitsplatz „Active Assist“ von Rexroth. Das ist eine Technik, die Montagetätigkeiten unterstützt und auf Fehler hinweist. Das geht, speziell für die Klein- und Einzelserienfertigung, von der Schritt für Schritt-Anleitung am Monitor in bewegter 3D-Darstellung bis zu eingeblendeten Arbeitsschritten auf dem Arbeitsplatz, die das nächste zu montierende Teil am Arbeitsplatz hervorheben, bis zum Check, ob auch das richtige Teil aufgenommen wurde und an der richtigen Stelle verbaut wurde. Das ist nur ein Beispiel für I 4.0-Instrumente, die Bosch Rexroth für die eigene Produktion entwickelt, um sie dann maßge-schneidert den Kunden anzubieten.“ Clau Lau beim Zukunftskongress

„Industrie 4.0 ist speziell für unser Werk in Erbach sowohl auf der Produkt- wie auf der Fertigungsseite eine Riesenchance“, sagt Rainer Rassloff, Betriebsratsvorsitzender. „In Erbach haben wir gemeinsam mit der Geschäfts-leitung genau verabredet, was wir überwachen, was wir erfassen und dokumentieren und was wir auswerten, wer auf die Daten sofort und auch zukünftig Zugriff hat.“ Produktion und Entwicklung würden zukünftig noch enger zusammen arbeiten. Facharbeiter müssten immer mehr programmieren können. Aufgaben in Wartung, Qualitätssicherung oder Blechfertigung in Kleinstserien würden anspruchsvoller.

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Politische und tarifpolitische Einrahmungen künftiger „Normalarbeitsverhältnisse“

Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir

„Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Die Landes-regierung will, dass alle Bürgerinnen und Bürger von ihr profitieren. Mit der Strategie Digitales Hessen wollen wir die Potenziale der Digitalisierung für mehr Lebensqualität und eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung erschließen. Digitale Technologien eröffnen Chancen, mit weniger Energie und Ressourcen mehr Wohlstand, mehr gesellschaftliche Teilhabe, eine bessere Gesundheitsversorgung und intelligente Mobilität zu schaffen. Die Landesregierung stellt im kommenden Jahr zusätzlich rund vier Mio. Euro bereit, um den digitalen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft zu begleiten.“

Tarek Al Wazir, Wirtschaftsminister

 

Volker Fasbender

„Was wir heute noch als ‚Normalarbeitsverhältnis‘ verstehen – unbefristete Beschäftigung in Vollzeit mit einer 35-Stunden-Woche über die Gesamtdauer des Arbeitslebens – wird ergänzt werden durch anderen Formen von dann ‚normalen Arbeitsverhältnissen‘. Schon heute hat sich das Verständnis vom ‚normalen‘ Arbeitsverhältnis in der Bevölkerung gewandelt. Arbeitszeit und Arbeitsort sind für viele Arbeitnehmer weit weniger starr als früher. Und wir erleben heute schon einen Trend hin zu besserer Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Flexibilität ist von beiden Seiten gewünscht, damit aber auch von beiden Seiten gefordert – und braucht ein kluges Arrangement. Der Gesetzgeber muss – insbesondere beim Arbeitszeitgesetz – mehr Flexibilität ermöglichen. Diese muss von den Tarif- und Betriebsparteien ausgefüllt werden. Es wird mehr Mitbestimmung geben, aber nicht mehr Mitbestimmungsrechte. Die vorhandenen reichen aus, wie u.a. die Fallbeispiele zeigen.“

Volker Fasbender, Hauptgeschäftsführer HESSENMETALL

 

Jörg Köhlinger

„Unser Zukunftskongress mit HESSENMETALL ist von großer Bedeutung. Industrie 4.0 ist interessengeleitet. Betriebsräte, Belegschaften und IG Metall werden sich einmischen und gestalten. Betriebsräte und Vertrauensleute müssen die Chancen und Risiken der Digitalisierung abschätzen können. Für uns sind Sicherung der Beschäftigung und gute Arbeitsbedingungen wichtig. Dafür brauchen wir bessere Mitbestimmungsmöglichkeiten, intensivere berufliche Bildung und die klare Begrenzung der täglichen und wöchentlichen Arbeitszeiten, es darf keine ausufernde Flexibilisierung geben.“

Jörg Köhlinger, Bezirksleiter IG Metall Mitte

 

Stefan Körzell

„Die Digitalisierung bringt für die Beschäftigten Chancen, aber auch Risiken. Den Chancen auf Entlastung von harter Arbeit stehen Risiken des Jobverlustes, einer Dequalifizierung und der Entgrenzung von Arbeit gegenüber. Damit die Chancen genutzt und die Risiken vermieden werden, braucht die Industrie 4.0 einen Ordnungsrahmen, der von der Politik, den Tarifparteien und den betrieblichen Akteuren gesetzt wird. Industrie 4.0 erfordert deshalb rechtliche Rahmensetzungen z.B. im Arbeits- und Gesundheitsschutz, eine Stärkung der Tarifautonomie mit starker Sozialpartnerschaft und eine Verbesserung der betrieblichen Mitbestimmung.“

Stefan Körzell, DGB

 

Oliver Zander

„Zu Industrie 4.0 gehört auch Arbeit 4.0. Arbeit 4.0 bietet große Chancen. Die Digitalisierung erlaubt Unternehmen, schneller und besser auf Kundenwünsche reagieren zu können, dabei hohe Produktivitätssteigerungen zu erzielen und sie schafft gleichzeitig den Beschäftigten einen zusätzlichen Freiraum, um Beruf und Privatleben noch besser miteinander verbinden zu können."

Oliver Zander, Hauptgeschäftsführer Gesamtmetall

 
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