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Hessenboebbel

Unser Anliegen - die Ausgangslage

Unser Anliegen - die Ausgangslage

Was wir wollen, woher wir kommen und was wir auf dem Weg gelernt haben

Was wir wollen

Wir wollen Hessen bis 2030 zu einer der modernsten Industrieregionen Europas machen. Hessen hat dazu gute Voraussetzungen, muss seine Chancen im Wettbewerb mit anderen Regionen aber auch gezielt nutzen, indem es die Voraussetzungen in der Infrastruktur sichert, das Neue erschließt und die gesellschaftliche Akzeptanz dafür herstellt.

Hessen hat – im Unterschied z. B. zu Baden-Württemberg und Bayern – kein ausgeprägtes Industrieprofil und ist nicht Sitz großer Industrieunternehmen, von wenigen Ausnahmen wie Adam Opel, Bosch Thermotechnik, Continental Chassis & Safety, Fresenius, Heraeus, K+S, Kion, Merck und Schunk abgesehen. Hessen hat aber Stärken in einzelnen industriellen Feldern und Branchen mit zahlreichen Beschäftigten: In der Metall- und Elektroindustrie von Maschinenbau, Auto über Elektro bis Optik arbeiten 213.000 Menschen, in der Chemie- und Pharma- sowie verwandten Industrien rund 115.000 und in der Informations- und Kommunikationsindustrie rd. 120.000. Hessen hat außerdem breit gefächerte Kompetenzen in der Dienstleistung und einen überdurchschnittlich hohen Dienstleistungsanteil, der wesentlich von zwei stabilen Standortvorteilen getragen wird: dem Finanzplatz mit gut 60.000 Beschäftigten und dem Mobilitäts- und Logistiksektor mit knapp 80.000 Beschäftigten allein an Deutschlands größter Arbeitsstätte, dem Frankfurter Flughafen.

Diese Branchen sind aber nicht nur einfach zu einer Gesamtleistung zu addieren. Vielmehr entsteht die Wertschöpfung in hohem Maß gerade aus der Zusammenarbeit und Verbindung dieser Kompetenzen zu einem ganzheitlichen Angebot. Industrieprodukte brauchen in jedem Fall eine logistische Distribution fast immer in alle Welt, häufig auch Finanzierung und mehr und mehr auch integrierte Software, um aus ihnen „lernende“ Produkte zu machen. Deshalb liegen vor allem in der intelligenten Verbindung und Vernetzung dieser Kompetenzen die Chancen für Hessen, der führende Standort für eine neuartige, sich gerade stark modernisierende Industrie zu werden,

  • die im Netzwerk mit anderen in beispielhafter Weise die Verbindung von industrieller Produktion und unternehmensnaher Dienstleistung gelingen lässt,
  • die im Netzwerk die Verbindung von Industrie und Software, eben die Industrie 4.0, vorantreibt,
  • die in besonderer Weise vernetzt und innovationsstark Lösungen für die globalen Megatrends „Ressourcenknappheit und Klimawandel“, „Gesundheit und Ernährung“, „Kommunikation in der Informationsgesellschaft“ und „demografischer Wandel“ entwickelt,
  • die zur Lösung des Megatrends Urbanisierung beiträgt, indem sie die Infrastruktur­bedarfe wachsender Städte und einer infrastrukturanbietenden, global exportierenden Industrie zusammenbringt
  • und die dadurch menschenfreundliche und nachhaltige Lösungen schafft.

In Hessen gibt es eine Reihe von Initativen, die diese Form intelligenter Vernetzung von Kompe­tenzen leisten. Beispielhaft dafür stehen:

  • Die in Frankfurt ansässige Initiative Gesundheitsindustrie Hessen (IGH) und das House of Pharma & Healthcare (HoPH) – bundesweit einzigartige Projekte, die zur Stärkung des Gesundheitsindustriestandortes Hessen die Pharma-, Diagnostik- und Medizintechnik­unternehmen mit der Wissenschaft sowie politischen Akteuren verzahnen und Know-how bündeln.
  • Das House of Logistics and Mobility (HOLM) in der Airport City Gateway Gardens , das – 2014 offiziell eröffnet – als eine neutrale Innovationsplattform den Austausch von Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft fördert und interdisziplinäre Lösungen für die Herausforderungen an Logistik und Mobilität des 21. Jahrhunderts entwickelt.
  • Die Prozesslernfabrik, Center für industrielle Produktivität (CIP), in Darmstadt, die theoretisch erlernte Verfahren in einem realen Produktionsumfeld anwendbar macht und von Industrie und Wissenschaft zur Optimierung von Montage- und Produktionsprozessen genutzt wird.
  • Das Institut für dezentrale Energietechnologie (IdE) in Kassel, das an Entwicklungen der Universität Kassel zu dezentralen Energiesystemen und Energieeffizienz anknüpft und die für Erneuerbare Energien notwendige Energiesystemtechnik ganzheitlich in praxisnaher Forschung, Technologietransfer und Ausbildung erarbeitet und anwendet.
  • Die Fraunhofer-Projektgruppe für Wertstoffkreisläufe und Ressourcenstrategie (IWKS) in Hanau schafft die Voraussetzungen, die Rohstoffversorgung unserer Industrie langfristig zu sichern und damit eine führende Position in der Hochtechnologie auch zukünftig zu ermöglichen. Dafür werden zusammen mit Industriepartnern innovative Trenn-, Sortier-, Aufbereitungs- und Substitutionsmöglichkeiten erforscht und Strategien zum nachhaltigen Umgang mit kostbaren Ressourcen entwickelt.

Diese Liste ist weder vollständig noch werden alle mit diesen Initiativen verbundenen Projektionen wahr werden. Aber wenn Hessen seine Chancen realistisch suchen will, dann werden sie überwiegend im Korridor von solchen Vernetzungen gefunden werden.

Dafür braucht Hessen den gemeinsamen Willen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zur Fokussierung und Weiterentwicklung von Infrastruktur und Förderpolitik. Und es braucht das gemeinsame Engagement der Akteure, Ziele zu setzen und die Umsetzung voranzutreiben.

Die Entwicklung eines Leitbildes für den Industriestandort Hessen in einem gemeinsamen Prozess ist dafür der erste Schritt. Für die Umsetzung soll dieses Leitbild gleichzeitig

  • Bekenntnis zu einer starken und modernen Industrie in Hessen und
  • Richtschnur für weitere Optimierungen des Industriestandortes

sein.

 

Woher wir kommen und was wir auf dem Weg gelernt haben

Der Wirtschaftsstandort Deutschland, in den Hessen eingebettet ist, hat in den Krisen der vergangenen Jahre eine vergleichsweise hohe Stabilität gezeigt. Diese ist vor allem auf den im Vergleich zu den anderen europäischen Nationen nach wie vor hohen Anteil der Industrie an der Bruttowertschöpfung zurückzuführen. War dieser Industrieanteil Deutschlands zunächst der Grund für den kurzfristig scharfen Einbruch bei Ausbruch der Krise, so hat der industrielle Sektor bei der anschließenden Krisenbewältigung seine strukturell zentrale Rolle als Stabilisator von Wohlstand und Beschäftigung gezeigt. Zurückzuführen ist dies auf die hohe technische und preisliche Wettbewerbsfähigkeit deutscher Industrieprodukte bei im internationalen Vergleich hohen Arbeits- und Stromkosten. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch die Gemeinschaftswährung. Auf Basis einer nationalen Währung hätten Aufwertungen die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands stark beeinträchtigt. Im Gegensatz dazu konnte die deutsche Industrie nach der Krise sogar noch von einem Rückgang des effektiven Wechselkurses des Euro profitieren, der die Wettbewerbsfähigkeit von Produkten aus dem Euroraum noch einmal verbesserte.

Über die vergangenen 15 Jahre konnte in Deutschland der Industrieanteil an der Bruttowertschöpfung weitgehend gehalten werden.1) Vor dem Hintergrund eines kontinuierlichen BIP-Wachstums ist dieser Industrieanteil absolut gesehen sogar gewachsen. Dieses Wachstum wurde vor allem von der sehr positiven Entwicklung der exportorientierten Industrie getragen. So sind die Exporte des Verarbeitenden Gewerbes zwischen 2005 und 2013 schneller gestiegen als die Wertschöpfung.2) Neben diesen direkten Effekten ist die Industrie Initiator von weit über diesen Sektor hinausreichenden Wertschöpfungsketten, der viele Branchen anderer Sektoren umfasst.

Was für Deutschland gilt, gilt auch für den Industriestandort Hessen. Unbeschadet des starken Dienstleistungszentrums in der Rhein-Main Region, spielt die industrielle Wertschöpfung in Hessen eine zentrale Rolle. Im Jahre 2012 lag der Wertschöpfungsanteil des verarbeitenden Gewerbes (produzierendes Gewerbe ohne Bergbau) in Hessen bei 18,3, Prozent (Deutschland 22,3 Prozent).3) Durch Vor- und Nebenleistungen beträgt die Wertschöpfung aus Industrie und industrienaher Dienstleistung insgesamt etwa ein Viertel der gesamten hessischen Bruttowertschöpfung.4) In den letzten Jahren wird folgende Betrachtung des industriellen Sektors über die industriell hergestellten Produkte geläufiger: Danach wird dem Industriesektor zugerechnet, was industriell hergestellt wird und bei seinem Gebrauch nicht untergeht. Nach dieser Abgrenzung arbeiten über 40 Prozent der Arbeitnehmer im so definierten industriellen Sektor.5)

Der bisherige Erfolg der Industrie am Standort Hessen läuft aber nicht automatisch weiter. Im Zuge der Globalisierung versuchen vor allem Schwellenländer ihre Rolle innerhalb der weltwirtschaftlichen Arbeitsteilung zu verändern und immer höhere Stufen der Wertschöpfung zu besetzen. So entstehen neue hochwertige Produktionsstandorte mit hoher innerer Vernetzung und Clusterbildung, die die Entwicklung und Fertigung auch anspruchsvollerer Güter ermöglichen. Vor diesem Hintergrund haben entwickelte und hochpreisige Industriestandorte wie Hessen nur eine Chance, ihr Niveau zu halten oder gar auszubauen, wenn sie sich selbst ständig weiterentwickeln und die wissensbasierte Wertschöpfung ausbauen.

Dazu braucht Hessen die richtigen Standortbedingungen. Sie sollen die Innovationskraft der Unternehmen in den Bereichen Technologie, Organisation und Marketing stärken, die Nutzung der Trends in der industriellen Produktion begünstigen und die Vernetzung der Industrie untereinander sowie mit der Wissenschaft einerseits und der Dienstleistung andererseits unterstützen. Hier gilt es, die ressourcenschonende, auf Vernetzung und Digitalisierung setzende Modernisierung der spezialisierten kleinen und mittleren Unternehmen voranzutreiben um die Wettbewerbsfähigkeit im globalen Markt zu stärken.

Die heute bereits gute Position als Forschungsstandort, die breite Branchenaufstellung mit starken Leitbranchen wie der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie sowie der Metall- und Elektroindustrie und der hohe Anteil an unternehmensnahen Dienstleistungen ist die Chance des Industriestandortes Hessen. Ohne den Ballast größerer Konversionsaufgaben aus einem industriellen Strukturwandel, wie ihn z. B. das Ruhrgebiet hinter sich hat, zentral mitten in Europa gelegen und mit einer außerordentlich guten Positionierung im Bereich der Infrastruktur ist der Standort prädestiniert, in der sich neu bildenden globalen Arbeitsteilung eine herausragende Position einzunehmen. Diese Chance wollen wir nutzen.

 

 

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1) Verband der chemischen Industrie zum Industrieland Deutschland (https://www.vci.de/Downloads/Industrieland-1-2014-Bedeutung-der-deutschen-Industrie.pdf)

2) Exportquote der Jahre 2005-2013 nach Statista (http://de.statista.com/statistik/daten/studie/167645/umfrage/exportquote-im-verarbeitenden-gewerbe-seit-2005/)

Deutsche Bank Research zur Re-Industrialisierung Europas (https://www.dbresearch.de/PROD/DBR_INTERNET_DE-PROD/PROD0000000000322935/Re-Industrialisierung+Europas%3A+Anspruch+und+Wirklichkeit.PDF)

3) Hessischer Konjunkturspiegel, 2013, 2. Quartal (http://www.hessen-agentur.de/mm/hessen_konjunkturspiegel_2q2013.pdf)

4) Eickelpasch 2012. Industrienahe Dienstleistungen. Bedeutung und Entwicklungspotenziale (http://library.fes.de/pdf-files/wiso/09101.pdf)

5) Smart Industry – Intelligente Industrie. Eine neue Betrachtungsweise der Industrie. Ergebnisse einer Studie der Institut der deutschen Wirtschaft Consult GmbH für das Land Hessen 2012, 48-51.

 
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